So. Das wäre geschafft. Zufrieden schaute das Miri dem großen roten Koffer hinterher, der langsam über das Transportband durch eine dunkle Luke ins Ungewisse befördert wurde. Na ja- so ganz ins Ungewisse nun auch wieder nicht. Mont Clare Hotel, Dublin, Ireland prangte in Druckbuchstaben auf dem Gepäckanhänger, der Strichcode des Air Lingus Fluges auf dem herumgeschlungenen Klebeband.
Eierland. Andächtig flüsterte das Miri den Namen des Ziellandes vor sich hin. „Mirriäm, du muhst flighen nach Eierland und sehlbst gucken, wie trhaumhaft diehse Lahnd is.“ Hatte mir Paddy mein alter Kneipenchef-Ire damals immer wieder gesagt.
Alle guten Dinge sind drei. Zweimal zuvor schon hatte das Miri Irlandurlaub gebucht. Zweimal zuvor musste es ihn kurz vorher aus verschiedenen Gründen wieder absagen. Zwölf lange Jahre hatte es gedauert- nun war es so weit. Die Anzeigentafeln sprangen um. Flug El8998 Abflug 10:35h- da stand er schon. Ab zum Gate.
Die Sicherheitskontrollen waren rasch abgearbeitet. Seit dem China-Aufenthalt im letzten Jahr war das Miri quasi Flugprofi. Einziger Wehrmutstropfen: Das Fliegen hatte seinen Reiz verloren. Viehtransportartig zusammengefärcht gasten die mitreisenden Massen stundenlang vor sich hin, die Knie des Hintermannes im Kreuz, den Haargelduft des Vordermannes in der Nase. Gut, dass es bis nach Irland nur knappe 2 Std. waren.
„Da, guck! Mein Koffer wird verlanden!” Ein Flughafenmitarbeiter war gerade in diesem Moment dabei, das rote Etwas vom Transportwagen im Bauch des mintgrünen Flugungetüms zu verstauen. Über die Farbwahl meines Koffers freute ich mich noch immer wie ein kleiner Schneekönig, wenn ich unterwegs war. Nachdem der gute alte lederne Vorgänger -ein Erbstück meiner Schwiegereltern- vor zwei Jahren seinen Dienst versagt hatte, wurde das Miri zum Aufsuchen eines Koffergeschäfts quasi genötigt (na ja- ganz so schlimm war es nicht). Da ich bis Dato ja nie wirklich Urlaub gemacht hatte, stellte sich der Kauf eines Koffers als gar nicht so einfach heraus. Welche Größe, welche Ausstattung, welche Farbe, Rollen und wenn ja wie viele, Hartschale, Stoff, Reisverschluss, Klappverschluss?… Himmel, das war einfach alles zu viel für das kleine Miri. Man sagt Frauen ja bisweilen eine gewisse Oberflächlichkeit beim Autokauf nach. Frauen würden lediglich nach Form und Farbe auswählen, der Rest sei ihnen egal. Nun ja. Beim Autokauf trifft das in der Tat nicht auf das Miri zu- wohl aber beim Kofferkauf. „Zum Ziehen und in einer attraktiven Farbe- nicht schwarz und nicht pink, bitte.“ schmetterte ich damals reizüberflutet der freundlichen Kofferfachverkäuferdame entgegen. Sie hätte mir in diesem Moment alles verkaufen können…
Das Bording begann. Erst in diesem Moment fielen mir zwei neongrüne Outdoorjacken auf. Die Farbe brannte in meinen Augen. Ausgestattet mit Wolfskin- Funktionshemd, Schöffel- Funktionshose, Salomon-Wanderstiefeln und einer Reihe possierlicher Kuscheltierschlüsselanhänger, angebracht mit Kletter-Karabinerhaken an den Deuter- Wanderrucksäcken, die professionell wie im alpinen Wandergebiet (so ein Flughafengate ist ja eigentlich auch nichts anderes) um Brustkorb und Hüfte gegurtet waren, reihten sie sich in die sich windende Warteschlange ein. In der Hand: die gleichen Reiseunterlagen, wie sie sich wohlverstaut im Inneren meines Rucksackes befanden. „Oh nein! Bitte nicht!“ schoss es mir durch den Kopf. Erst jetzt begann ich, mir die Tragweite meiner Buchungsentscheidung wirklich und wahrhaftig bewusst zu werden. Ursprünglich wollte das Miri nämlich Rucksackurlaub machen. In Irland konnte mal überall wild campen, es gab weder Bären noch Schlangen, das Schlimmste, was hätte passieren können, wäre der Gastbesuch eines irischen Rindviehs oder behörnten Schafbocks gewesen.
Das war der Plan. Leider kein so guter Plan, wenn man damit alleine ist. Also ganz alleine. Vollkommen alleine.
Letztendes waren wir bei Plan 367 zusammengekommen: Eine Busrundreise. Das Programm klang gut. Wir würden das ganze Land sehen, unterwegs mit allen wichtigen Infos versorgt werden, preiswert dank Gruppenrabatt nächtigen und was wir dann vor Ort taten oder nicht, das war ja immer noch unseres. Wir würden den Bus als Transportmittel nutzen und ansonsten unser Ding machen. Soviel dazu. Punkt. Das war der Plan. Plan 367.
Die linke Outdoorjacke zog den Brustgurt enger, die rechte schulterte die Fotovollprofiausrüstung. Verzückt reichten sie sich die Hände.
Ich sah mich verstohlen um, ob ich da noch irgendjemanden mit meinen Reiseunterlagen entdeckte. Fehlanzeige. Mehr oder minder beruhigt stolperte ich dem Bordpersonal entgegen.
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