„Ladies and Gentlemen, we welcome you to Dublin Airport. Local time is 11.35 a.m. and the temperature is 16 degree. Please do remain seated with your seatbelts fastened, until we have reached our final parking position.”
Das Miri schwieg andächtig.
“Na toll. 16 Grad und Regen- daheim waren´s wenigstens 22 Grad und Regen…“ grummelt der Gatte.
Das Miri schwieg noch immer.
Platsch, platsch. Ein paar Regentropfen zerplatzen an der kleinen Flugzeugluke und rannen das Glas hinab. Eigentlich gab es nichts Außergewöhnliches zu sehen. Die Stadt lag grau im Schatten dunkler Wolken, ein paar wenige hässliche mintgrüne Air Lingus Maschinen hingen angedockt vor dem Wellblech der An- und Abflughallen.
Im Innenraum des fliegenden Massentransporters brach geschäftiges Treiben aus. Niemand klatsche Beifall, als die Maschine rumpelnd irischen Boden berührte. Irland war nunmal nicht das klassische Last- Minute Touri- Ziel. Zum Glück. Gurte klickten, Gepäckfächer wurden geöffnet. Handys signalisierten piepend die Ankunft in fremden Funkgefilden.
Das Miri starrte noch immer aus dem Fenster. Von links rempelte ein Mitreisender. Die Massen standen im Gang und warteten darauf, freigelassen zu werden. „Im Stehen geht´s bestimmt schneller.“ seufzte der Gatte und lehnte sich in seinem Sitz zurück. „Sie werden das Ding nicht abschließen ehe wird raus sind. Und unser Gepäck wird auf dem Gepäckband bestimmt auch noch eine dritte Runde drehen, wenn wir´s nach der zweiten noch nicht abgeholt haben…“ nickte das Miri und wandte sich wieder dem Ausblick aus dem Fenster zu.
Das Miri war angekommen.
Nach der Gepäckeinsammlung stießen wir zur Truppe. Wie erwartet, tummelten sich dort auch bereits die beiden Neongrünjacken. „Wir warten noch auf den Flug aus Frankfurt, dann bringen wir sie erst mal zum Hotel.“ rief Kathrin, wie sich unsere Reiseleitung vorgestellt hatte, zu uns hinüber. Kathrin trug ebenfalls eine hellgrüne Outdoorjacke, was sie mit den beiden Spezialisten quasi optisch verschmelzen ließ. Ich sah mich um und stellte zufrieden fest, dass wir alterstechnisch gut gemischt waren. Eine ca. sechszigjährige männliche graue Jack-Wolfskin Jacke war zusammen mit einer endzwanziger weiblichen dunkelblauen Jack- Wolfskin Jacke angereist. Daneben standen eine weibliche schwarze Jack- Wolfskin Fleecejacke um die dreißig, die offenbar zu einer anderen gleichaltrigen, weiblichen, schwarzen Jack- Wolfskin Regenjacke gehörte. Eine männliche, größere schwarze Jack- Wolfskin Fleecejacke hielt Händchen mit einer weiblichen schwarzen Jack- Wolfskin Softshelljacke. Ich schätzte auch sie auf Anfang dreißig, als eine weitere etwa fünfundfünfzigjährige, männliche, jedoch hellbeigefarbene Jack-Wolfskin-Wetterschutzjacke in weiblicher Begleitung bei uns aufschlug. Ausrüstungstechnisch jedenfalls schienen alle eine Menge vor zu haben. Ich beglückwünschte mich zu der Entscheidung, meine Wolfskin Jacke vor einiger Zeit durch eine andere ersetzt, und somit einen aktiven Beitrag zur Reduzierung des Gruppen- Klumpenrisikos geleistet zu haben. Bei ebay hatte sie noch einen guten Preis erzielt.
Ab in den Bus.
Um 13.40 Uhr erreichten wir unser Hotel. Professionell hatte man den Check In vorbereitet, so dass es kein Gedrängel gab. Das Abendessen wurde ab acht Uhr serviert.
„Und wo sollen wir jetzt hin?“ fragte der Gatte. „Na gucken.“ gab das Miri freudig erregt zurück. „Hast du den Stadtplan eingesteckt?“ „Ja, hab ich.“ beteuerte der Gatte und wir zogen von dannen.
Dublin war voll. Sehr voll. Busse, Autos, Fußgänger schoben sich durch die Straßen. Überall lärmte es. Schnell hatten wir gelernt, dass Ampeln für Fußgänger ganz offenbar lediglich reine Dekoobjekte darstellten, wer stehenbleibt verliert. Wir überquerten die Liffy und erreichten die O´Connell Street. Am Hauptpostgebäude konnte man bei genauem Betrachten noch die Einschusslöcher sehen, die beim großen Osteraufstand 1916 entstanden waren, die Mitte der Straße dominierte ein riesengroßer Edelstahlpfosten, der hunderte Meter in den Himmel ragte. Während der Boomphase hatte die Stadt beschlossen, dass ein Wahrzeichen hermusste. Vier Millionen Euro hatte das komische Ding offenbar verschlungen. Nur dumm, dass man die Folgekosten nicht beachtet hatte: Das sich angeblich selbstreinigende Ding musste wider Erwarten jährlich für schlanke 200 TEUR von Fremdpartikeln befreit werden, um die Haltbarkeit des Edelstahls nicht zu gefährden. Bedenkt man die aktuelle wirtschaftliche Lage der grünen Insel, ist das eine Kostenposition, die man wohl besser als Leuchtboje im Atlantik versenken sollte.
„Hast du nen Plan, wo wir sind? Wir sollten mal langsam zurück, oder?“
Für 4 Std. Stadtbummel hatten wir eine Menge gesehen. Durch die kleine Fußgängerzone im Norden der Stadt hatten wir uns gewühlt und waren fast zufällig auf das Castle gestoßen (die Iren schienen die Angewohntheit zu haben, ihre alten Gemäuer entweder ruinenmäßig verfallen zu lassen, oder aber im Abstand von 10 Jahren jedesmal ein Stück mehr mit den gerade gängigen epochalen Baustilen zu ummanteln). Wir spazierten ein wenig durch die Gassen und Gärten, dann weiter zur Christ Church und von dort aus den Wegweisern folgend zur St. Patrick´s Cathedral. Schließlich hatten wir die Touristen überfüllten Knubbelpunkte hinter uns gelassen und standen nun an einer der vielen Kreuzungen, ein Haus sah aus wie das andere.
„Wir müssen Richtung Trinity College, da ist unser Hotel.“ gab der Gatte zurück. „Ach neeeee, darauf wäre ich ja nie gekommen!” ginste das Miri, ”und wo ist das? Hol doch mal die Karte raus, bitte, ich bin gerad orientierungslos.“ „Öhm. Die Karte?“ „Ja, den Stadtplan. Du hattest mir doch gesagt, dass du den eingesteckt hast.“ „Hier muss doch auch irgendwo einer hängen.“ der Gatte marschierte weiter. „Aber den brauchen wir doch jetzt nicht noch umständlich zu suchen, wenn wir einen in deinem Rucksack haben.“ Der Gatte schwieg. „Du hast ihn doch mitgenommen?“ der Gatte schwieg weiter. „Du hast ihn nicht mitgenommen, oder?“ Der Gatte schwieg noch immer. Das Miri jetzt auch.
Es begann zu regnen.
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Aber mit Ausflügen ohne Karte hatten wir ja Erfahrung.
Einmal fuhren wir zum Joggen in den benachbarten Schwerter Wald. „Da fahre ich öfters mal hin.“ nickte der Gatte. Nach einer Stunde fragte ich, wo wir seien. Nach zwei Stunden und einer kurz bevorstehenden gefühlten Unterkühlung stießen wir auf ein Ortseingangsschild „Dortmund- Lichtendorf“. Es begann zu dämmern. Auch beim Gatten. „Also von hier aus wären es 1 km nach Hause und ca. 3 km bis zum Auto.“ erklärte er mir. „Ja, dann könnten wir ja jetzt zu dir nach Hause laufen und deinen Wagen mit dem deiner Mutter holen, die ist doch ohne Auto unterwegs.“ schlug das Miri vor. „Das könnten wir tun, wenn ich den Haustürschlüssel nicht in meinem Auto liegen hätte…. Aber wir könnten dein Auto nehmen um meins abzuholen!“ „Das könnten wir tun, wenn ich den Autoschlüssel nicht in deinem Auto liegen hätte…“
Ja, im Verlaufen waren wir Vollprofis.
Und so kam es, dass wir in der Tat pünktlich um acht mit den anderen im hoteleigenen Restaurant saßen. Es gab Schweinebraten mit Kartoffelpü, anschließend Cheesecake mit Baileys. Schweigend schauten wir den anderen beim Schweigen zu. „Wo kommt ihr denn her?“ („Offene Fragen stellen, offene Fragen stellen….“ dachte sich das Miri.) „Ecke Stuttgart.“ „Oh, schöne Gegend! Von wo aus seid ihr geflogen?“ „München.“ „Und? Was habt ihr heute schon so gemacht?“ „Spazieren.“ Gelernt: Auch mit offenen Fragen kann Konversation einsilbig sein. Menschen zum Reden zu bringen- das war ja gewisser Maßen mein Job. Aber jetzt gerade hatte ich Urlaub. Also ließ ich die wortkargen Miturlauber weiter schweigend auf ihren Rüsseltierresten herumkauen. Aus der linken Ecke zwinkerte uns die Reiseleitung zu.
Zwei Wochen Abenteuerurlaub- sie konnten beginnen!
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