Gutes darf man auch mal kopieren… (nur die Quellenangabe nicht vergessen, gelle?)
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Out of Office: Der Glühweinstand
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© Bild: 2011 FTD-Illustration/Malte Knaack
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Wenn die Belegschaft im Interesse der Teambildung zum kollektiven Weihnachtsmarktbesuch gerufen wird, kann es nur Verlierer geben. Eine alltägliche Tragödie in drei Akten.
von Stephan Knieps
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Es treten auf
Der Abteilungsleiter
Der Karrierist
Der Marketingmann
Die Assistentin
Der Praktikant
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Erster Akt: 19 Uhr
“Die erste Runde geht auf mich!”, trompetet traditionsgemäß der Abteilungsleiter – er will nicht kleinlich wirken. Die Belegschaft nimmt gern an, der Chef fühlt sich geliebt.
Der Karrierist (interner Spitzname: “Facetime-Faschist”) platziert sich direkt neben dem Chef. Er hasst Weihnachtsmärkte, er hasst Glühwein. Aber er wittert seine Chance, nippt an der süßen Plörre und hebt zur Rede an: “Übrigens, mein Projekt …”
Der Marketingmann delegiert mit dick aufgetragener Jovialität die Becherverteilung an den Praktikanten. Nur einen reicht er höchstpersönlich weiter: an die Assistentin, garniert mit einem Lächeln und den Worten “Jetzt kann ich auch mal was für Sie tun …”. Auf seinem Handy drückt er unauffällig den Anruf seiner Verlobten weg und twittert: “Mit der Firma auf dem Weihnachtsmarkt: Wir gehen heut Abend steil!”
Die Assistentin zeigt sich ganz entzückt von den Lichterketten, dem Kunstschnee, dem urigen Charme der Holzbuden, dem feierlichen Duftpotpourri von Bratfett, Zimt und Alkohol. Sie stößt mit jedem an und besteht auf Augenkontakt.
Der Praktikant bedankt sich übertrieben servil beim Abteilungsleiter und tönt: “Die nächste Runde zahl ich aber dann.” Er denkt darüber nach, wie er den Abend überstehen soll, und zählt gedanklich sein Geld. Es reicht nicht.
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Teil 2: Zweiter Akt: 21 Uhr
Der Abteilungsleiter ist genervt: Der Hunderter, mit dem er souverän die erste Runde zahlte, wurde vom dreisten Tresensepp kritisch unter dem Falschgeldscanner beäugt. Und der strebsame Untergebene nervt ihn mit seinen eifrigen Aufmerksamkeitsbemühungen. Instinktiv schaltet er in den Chefmodus und bellt die nächste Bestellung in die Bude: “Einmal Schuss mit Glühwein! Aber dalli!”
Um das fiese Zeug weniger zu schmecken, kippt der Karrierist seinen Glühwein allzu hastig. Gegen die anwachsende Fahne hält er sich die Hand vor den Mund, während er den Chef in ein weiteres Gespräch über allgemeine Kostensteigerungen zu verwickeln versucht: Letztes Jahr habe zum Beispiel der Becher Glühwein 20 Cent weniger gekostet, er habe das mal in einer Excel-Tabelle festgehalten. Während er eine Klarsichthülle aus seinem Sakko zieht, setzt er ein joviales Grinsen auf, das an Anmaßung grenzt. Seine Sätze werden einfacher, im gleichen Maße wird seine Stimme eindringlicher.
“Ich geb einen aus!”, twittert der Marketingmann und raunt vielsagend dem Praktikanten zu: Eine gewisse Großzügigkeit am Tresen könne ebenso großzügige Auswirkungen auf das Praktikumszeugnis haben … Verschwörerisch platziert er seine Hand auf der Schulter der Assistentin und bemüht sich um ein gemeinsames Possenreißen auf Kosten des Kollegen. Dann auf Kosten des Chefs. Dann auf Kosten des Praktikanten. Als all das nicht fruchtet, erlahmt sein Interesse an der Veranstaltung schlagartig. Frustriert stopft ein paar Hand voll der ausliegenden Gratisspekulatius in sich hinein und schickt den Praktikanten um einen Crêpe mit Grand Marnier. Als er auf seinem Handy ungeduldig nach der Uhrzeit sieht, entdeckt er die SMS seiner Verlobten: “Du kannst mich mal!”
Der Assistentin wird warm. Sie kauft für alle Holzkugelschreiber, “original aus dem Erzgebirge”, anschließend am Stand daneben Naturseife aus Olivenöl: “Fürs Gästeklo!” Beseelt kündigt sie an, am nächsten Tag für die ganze Etage Plätzchen zu backen. Ihr Altruismus verschreckt die Kollegen.
Der Praktikant wird lockerer, bald übermütig. Er geht ungefragt zum Du über und bestellt schließlich doch eine Runde Glühwein für alle. Die Übernahme ins Angestelltenverhältnis scheint gesichert, innerlich arbeitet er seiner rhetorischen Strategie für die Verkürzung der Probezeit. Als der Marketingmann ihn nach der Toilette fragt, schickt er ihn in einem Anflug von Übermut in die falsche Richtung.
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Teil 3: Dritter Akt: 23 Uhr
Der Abteilungsleiter wankt bedenklich. Der Karrierist bietet ihm den Heimtransport an: “Na sicher kann ich noch fahrn!”, verkündet er todernst mit schwerer Zunge. Als er ignoriert wird, geht er frustriert aufs Klo, zieht seine To-do-Liste hervor und macht trotzig ein Häkchen hinter “Beim Social X-Mas-Event Direct Line zum Chief upgraden”.
Derweil löst der Abteilungsleiter die Runde auf mit dem traditionellen Ruf “Wer kommt mit in die Nachtsauna?”. Hastig stolpert er zum Taxistand und versucht, den verdutzten Marketingmann mit sich in den Wagen zu zerren. Dieser kalkuliert kurz die Chance, zwischen zwei Aufgüssen einen karriereförderlichen Deal auszuhandeln, und entzieht sich dankend dem Manöver. “Gehe nur zu Deinem Fürst, wenn Du auch gerufen wirst”, twittert er, googelt “nachts Rosen kaufen” und geht zu Fuß nach Hause.
Der indignierte Chef braust allein davon. Im Fahren kurbelt er das Fenster runter und grölt in Richtung Assistentin, sie solle alle Termine am nächsten Tag um zwei, nein vier Stunden nach hinten verlegen. Die Gerufene ist gerade erst wieder am Glühweinstand eingetroffen, weil sie zwischendrin einen alten Schulfreund wiedergetroffen hat, mit sie erst gemeinsame Erinnerungen, anschließend Körperflüssigkeiten austauschte.
Inzwischen ist auch der verschmähte Karrierist am Taxistand eingetroffen und lässt sich schmollend in die Polster fallen. Die Assistentin schlägt vor, die Fahrt zu teilen, wortlos schlägt er ihr die Tür vor der Nase zu. Im Hintergrund schließt der Tresensepp den Stand und herrscht sie an, wer denn nun die offene Rechnung von 27 Glühweinen bezahlt. “Alles auf die Firma chargen!”, blafft sie zurück und beglückwünscht sich innerlich zum originalgetreu ausgeübten Chefduktus.
Der Praktikant sammelt die leeren Glühweinbecher ein und kassiert das Pfand. Als der überreichlich genossene Glühwein schwallartig seinen Tribut fordert, findet er auf der Toilette eine To-do-Liste. Er liest, bekommt einen Lachkrampf und beschließt, das Dokument der Schande am nächsten Morgen 100-mal zu kopieren und in der Firma zu verteilen. Findet sein Fahrrad nicht mehr und wankt zu Fuß nach Hause.
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